Chicagoer Schule (Soziologie)

Als Chicagoer Schule der Soziologie wird ein Forschungszusammenhang aus der Zwischenkriegszeit des 20. Jahrhunderts bezeichnet, der sein institutionelles Zentrum im Department für Soziologie der Universität Chicago hatte. Die Chicagoer Schule der Soziologie gilt, zwischen der Durkheim-Schule vor dem Ersten Weltkrieg und der Parsons-Schule nach dem Zweiten Weltkrieg, als mittlere der drei Soziologie-Schulen, die das Fach weltweit prägten. Ihr Zentrales Forschungsfeld war die Stadt Chicago, Forschungsthema der durch Industrialisierung und Einwanderung ausgelöste Wandel des urbanen Lebens, Forschungsmethode die Empirische Sozialforschung, häufig in Form von Feldforschung und teilnehmender Beobachtung. Sie lieferte wegweisende Vorarbeiten für Stadtsoziologie, Devianz- und Kriminalsoziologie sowie wichtige Beiträge zur Sozialökologie und ist für die Stadtgeographie immer noch von aktueller Bedeutung. Begründer der Schule ist Robert E. Park, weitere Vorbereiter und hervorragende Vertreter sind Albion Woodbury Small, William I. Thomas und Ernest W. Burgess.

Nach einer fundamentalen Studie Thomas’ und Florian Znanieckis über eingewanderte polnische Bauern und programmatischen Schriften von Park und Burgess folgten mehr als fünfzig Einzelstudien von Mitarbeitern und Doktoranden des Departments zu ethnischen und subkulturellen Fragen in Chicago und auch zu neu entstandenen oder veränderten Berufen (wie „Ladenmädchen“ oder Büroangestellte) und Einrichtungen (wie Hotels oder Ballsäle) in der Großstadt. Sechs von ihnen wurden später als „Klassiker der Chicagoer Soziologie“ bezeichnet. Das Untersuchungsfeld der sechs „Klassiker“ lag in Problemvierteln der Stadt („Zone in Transition“), die besonders geeignet waren, Veränderungen menschlichen Verhaltens in der städtischen Umwelt zu beobachten. Sie inspirierten andere Soziologen zu Gemeindestudien in verschiedenen Regionen der Vereinigten Staaten. Der wichtigste Beitrag der Chicagoer Schule zur Kultursoziologie ist das Konzept des Marginal Man, einer modernen Sozialfigur, die aus traditionellen Bindungen entlassen ist.

Ab 1937 entwickelte Herbert Blumer in der Aneignung von Thesen George Herbert Meads den Symbolischen Interaktionismus zu einer Denkschule der Soziologie. Seit 1995 wird diese Forschungsrichtung von manchen Autoren als „Zweite Chicagoer Schule“ bezeichnet. Neben der Chicagoer Schule der Soziologie gibt es auch die Chicagoer Schule der Architektur und die Chicagoer Schule der Ökonomie.