Ferdinand Tönnies

Ferdinand Tönnies 1915
Tönnies-Denkmal im Geburtsort Oldenswort.

Ferdinand Tönnies (* 26. Juli 1855 bei Oldenswort; † 9. April 1936 in Kiel) war ein deutscher Soziologe, Nationalökonom und Philosoph. Mit seinem 1887 erschienenen Hauptwerk Gemeinschaft und Gesellschaft wurde er zum Begründer der Soziologie in Deutschland. Schon als Schüler war er Korrekturgehilfe des Dichters Theodor Storm, mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verband. Bereits mit 16 Jahren machte er Abitur in Husum, mit 22 Jahren wurde er mit einem philologischen Thema in Tübingen promoviert. Im Alter von 25 Jahren habilitierte er sich mit einer Arbeit über Leben und Werk des Thomas Hobbes an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Dieser Universität blieb er zeitlebens als Hochschullehrer verbunden, anfangs 27 Jahre als Privatdozent, weil die Ernennung zum Professor von der preußischen Kultusbürokratie blockiert wurde. Von 1909 bis 1933 war Tönnies dann Professor in Kiel, seit 1916 als Emeritus. 1921 übernahm er einen Lehrauftrag für Soziologie, der 1933 mit seiner Entlassung aus dem Beamtenverhältnis durch die nationalsozialistischen Machthaber endete. Zudem war er von 1909 bis 1933 Präsident der Deutschen Gesellschaft für Soziologie. In der Weimarer Republik war Tönnies die repräsentative Figur der deutschen Soziologie, sein Buch Gemeinschaft und Gesellschaft wurde zum Bestseller. Der von ihm erarbeitete Gemeinschaftsbegriff wurde jedoch von Jugendbewegung und Nationalsozialisten missbräuchlich verwendet und mit der Bezeichnung Volksgemeinschaft verfälscht. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde es in der deutschen Soziologie still um Tönnies. Erst ab 1980 schuf die Kieler Ferdinand-Tönnies-Gesellschaft mit ihrem Präsidenten Lars Clausen neue Perspektiven der wissenschaftlichen Beschäftigung mit ihrem Namensgeber.

Tönnies’ soziologisches System ist deshalb schwierig zu erschließen, weil mit Begriffsverwendungen operiert wird, die nicht denen der aktuellen Sozialwissenschaft entsprechen. Allgemeine Soziologie meint bei Tönnies jede wissenschaftliche Analyse von Menschen in Raum und Zeit, unter Einbeziehung von Biologie und Psychologie. Seine Spezielle Soziologie umfasst das, was heute dem Fach Soziologie insgesamt entspricht und nicht dem, was mit Spezieller Soziologie gemeint ist. Spezielle Soziologie differenzierte Tönnies in reine, angewandte und empirische Soziologie. Später fügte er seiner Systematik noch praktische Soziologie hinzu. Die Reine Soziologie besteht ausschließlich aus Gedankenkonstruktionen (Normalbegriffen), seine Angewandte Soziologie nutzt die Begriffe der Reinen Soziologie für das Verständnis gegenwärtiger Zustände und großer historischer Wandlungen, die empirische Soziologie beruht auf Beobachtung und Vergleich der wirklichen Erscheinungen des sozialen Lebens. Mit Praktischer Soziologie schließlich meint Tönnies politische Interventionen auf sozialwissenschaftlicher Grundlage, wie etwa seine Publikationen zum Hamburger Hafenarbeiterstreik 1896/97. Tönnies’ Hauptwerk Gemeinschaft und Gesellschaft ist eines der Reinen Soziologie, seine Kritik der öffentlichen Meinung eines der Angewandten Soziologie. Sein Alterswerk Geist der Neuzeit ebenfalls. Tönnies’ soziologisches Werk ist voluntaristisch und kann als Soziologie des Willens bezeichnet werden.