Geschichte Nordrhein-Westfalens

Die bei Krönungen in Aachen verwendete Reichskrone des Heiligen Römischen Reichs stammt wahrscheinlich aus einer niederrheinischen Goldschmiedewerkstatt des 10. Jahrhunderts.
Ludwig van Beethoven (1770–1827), Enkel eines aus Mechelen in den Österreichischen Niederlanden eingewanderten Sängers, wurde in Bonn geboren.
„Gruß aus der Kanonenstadt Essen“ (Postkarte mit Darstellung der „Kruppschen Werke“, 1913) – Das technologische und wirtschaftliche Potenzial an Rhein und Ruhr wurde im 19. und 20. Jahrhundert als ein bedeutender Machtfaktor wahrgenommen. Sowohl nach dem Ersten als auch nach dem Zweiten Weltkrieg war es im Zusammenhang mit der Ruhrfrage Gegenstand internationaler politischer Verhandlungen und Aktionen, die darauf gerichtet waren, es für Reparationen zu nutzen und es international zu kontrollieren. Bei der Gründung Nordrhein-Westfalens stand es erneut im Mittelpunkt der politischen Überlegungen.

Die Geschichte des Landes Nordrhein-Westfalen begann kurz nach dem Zweiten Weltkrieg am 23. August 1946, als durch Militärverordnung Nr. 46 der britischen Besatzungsmacht[1] aus der Provinz Nordrhein, dem Nordteil der preußischen Rheinprovinz,[2] sowie der ebenfalls preußischen Provinz Westfalen das Land Nordrhein-Westfalen gegründet wurde. Mit der Militärverordnung Nr. 77 vom 21. Januar 1947, durch die das Land Lippe Nordrhein-Westfalen eingegliedert wurde, war der heutige territoriale Zuschnitt im Wesentlichen erreicht.[3]

In seinem Staatsgebiet trat Nordrhein-Westfalen in die Rechtsnachfolge des Freistaats Preußen und des Landes Lippe ein. Im Gegensatz zu einigen anderen neu geschaffenen oder restituierten Ländern im Gebiet des ab 1945 besetzten Deutschen Reiches gab es für Nordrhein-Westfalen im Ganzen allerdings keinen stark identitätsstiftenden oder sogar gebietsidentischen Vorgängerstaat. Vielmehr entfaltete bis heute ein Gemenge vieler unterschiedlicher historischer Territorien, teils aus vorpreußischer Zeit, seine Wirkungen auf die Kultur und Identität ihrer Bewohner. Bei der Gründung Nordrhein-Westfalens lag das besondere Augenmerk auch nicht auf dem Gedanken einer Zusammenführung kulturell homogener und durch historische Bezüge miteinander verbundener Gebiete. Vor dem Hintergrund des ausbrechenden Ost-West-Konflikts[4] war die Besatzungsmacht Großbritannien vielmehr von der geopolitischen Vorstellung geleitet, dass das Ruhrgebiet und seine bedeutenden industriellen Ressourcen in ein Land eingebettet werden sollen, um sie den Bestrebungen der Sowjetunion und Frankreichs zu entziehen, die ein Viermächte-Regime über das Ruhrgebiet oder eine internationale Kontrolle seiner Ressourcen favorisierten. Wegen des Fehlens eines einzelnen, gebietsidentischen Vorgängerstaats entwickelte sich das Raumbewusstseins der Landesbewohner in unterschiedlichen, sich überlagernden Raumbezügen. Die Erinnerungskulturen und Geschichtspolitiken in Nordrhein-Westfalen knüpfen an die Geschichten und die Mythen der einzelnen Räume und Vorgängerterritorien auf dem heutigen Gebiet Nordrhein-Westfalens an. Insofern gibt es ein uneinheitliches Geschichtsbewusstsein, das sich aus einer in den einzelnen Regionen des Landes oft unterschiedlich verlaufenen Historie speist. Gleichwohl weist dieses heterogene geschichtliche und räumliche Bewusstsein in seinen Strängen durchaus Parallelen und Gemeinsamkeiten auf.[5]

Zu Nordrhein-Westfalens Schauplätzen der Weltgeschichte gehört unter anderem die Pfalzkapelle zu Aachen, Mittelpunkt des Frankenreichs unter Karl dem Großen, Ausgangspunkt der Karolingischen Renaissance und über mehrere Jahrhunderte der Krönungsort des Heiligen Römischen Reichs. Hervorzuheben ist auch das Rathaus zu Münster. Es war im Jahre 1648 der Unterzeichnungsort des Friedens von Münster, der nicht nur als das Gründungsdokument der Niederlande gilt, sondern als wesentlicher Bestandteil des Westfälischen Friedens mit dem ihm zugrunde liegenden Westfälischen System eine bedeutende Grundlage für das Konzept des Nationalstaats und des modernen Völkerrechts darstellt.

Mit der Industrialisierung und der Gründung des Deutschen Zollvereins entstand im 19. Jahrhundert an Rhein und Ruhr ein wirtschaftliches und technologisches Potenzial, mittels dessen das Königreich Preußen eine Vormachtstellung in Deutschland erlangen und so die deutsche Reichsgründung unter dem Kaisertum der preußischen Hohenzollern als sogenannte kleindeutsche Lösung der deutschen Frage durchsetzen konnte. Die an Rhein und Ruhr prosperierenden Industrien bildeten das bedeutendste Wirtschaftspotenzial des Deutschen Reichs. Sie übten ihrerseits großen Einfluss auf seine Politik aus[6] und gerieten im 20. Jahrhundert in den Fokus internationaler Politik, etwa während der Ruhrbesetzung durch Belgien und Frankreich in den Jahren 1923 bis 1925. Nach dem Zweiten Weltkrieg führte die Ruhrfrage in Gestalt eines Ruhrstatuts zu einem internationalen Regime über das Industriegebiet an Rhein und Ruhr. Mit dem Schuman-Plan entwickelte Frankreich seine Ruhrpolitik fort,[7] indem es Deutschland anbot, die Montanindustrien beider Länder, gerade auch die des Ruhrgebiets, in einem gemeinsamen Markt und unter gemeinsamer Aufsicht zusammenzulegen. Dies ermöglichte nicht nur die Beseitigung des Ruhrstatuts, sondern führte über die Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl zu einem fortlaufenden Prozess der europäischen Integration und der Bildung einer europäischen Identität sowie zur Entstehung des heutigen Staatenverbundes der Europäischen Union.

Das Land an Rhein und Ruhr hat eine Vielzahl bedeutender Menschen hervorgebracht. Die weltweit bekannteste Persönlichkeit aus dem Gebiet des heutigen Nordrhein-Westfalen ist wohl der Komponist Ludwig van Beethoven.