Geschichte Syriens

Die menschliche Geschichte des Raumes, den heute der Staat Syrien einnimmt, setzt mit den ältesten Spuren von Homininen ein, die vor fast 1,8 Millionen Jahren in der Syrischen Wüste lebten. Eine kontinuierliche Besiedlung fand wahrscheinlich erst sehr viel später statt, spätestens jedoch vor mehr als 600.000 Jahren, als der afrikanische Homo erectus sich über die Alte Welt auszubreiten begann, und dessen ältestes Fossil in Syrien etwa 450.000 Jahre alt ist. Dieser entwickelte sich in Europa und Westasien zum Neandertaler, in Afrika vor mindestens 300.000 Jahren zum Homo sapiens. Beide trafen, wie jüngst israelische Funde nahelegen, vor 150.000 Jahren in der Levante aufeinander, wobei die Nachfahren dieser Jägergruppen bis heute geringe Mengen an Neandertaler-Erbgut in sich tragen. In der Höhle von Dederiyeh fanden sich die bedeutendsten Neandertalerüberreste des Landes. Die Zugewanderten brachten offenbar jeweils neue Geräte und neue Jagdtechniken mit. Eine Art Klebetechnik erlaubte zudem spätestens vor 70.000 Jahren den allgegenwärtigen Einsatz von Kompositwerkzeugen. Außerdem entwickelten sich regionale Kulturen. Das älteste Fossil unserer unmittelbaren Vorfahren ist über 40.000 Jahre alt.

Der Übergang vom Jagen, Sammeln und Fischen zur produzierenden Lebensweise war in der nördlichen Levante, im Gegensatz zum übrigen Mittelmeerraum, keinem Zuwanderungsprozess geschuldet, sondern einem lokalen Vorgang der indigenen Bevölkerungsgruppen, der sich über einen sehr viel längeren Zeitraum erstreckte. Eine frühestbäuerliche Kultur lässt sich bereits im 11. Jahrtausend v. Chr. fassen, wobei der dorthin führende, überaus komplexe Prozess mehrere Jahrtausende früher einsetzte. In diese Zeit, und zwar sowohl vor als auch nach der Entstehung erster bäuerlicher Kulturen, entstanden Monumentalwerke, darunter im 11. Jahrtausend eine erste Stadtbefestigung und mit ihr der älteste Turm der Welt.

Während man früher glaubte, zur bäuerlichen Kultur gehöre auch von Anfang an die Herstellung von Ton- oder Keramikgefäßen, so erwies sich, dass bereits zwischen 15.000 und 13.000 v. Chr. in Ostasien und in Afrika um 9000 v. Chr. Jäger und Sammler derlei Gefäße herstellten. In Westasien setzte diese jedoch erst nach 7000 v. Chr. ein, als die bäuerlichen Kulturen längst stadtartige Siedlungen hervorgebracht hatten. Schon die Hassuna-Kultur entwickelte Ansätze administrativer Tätigkeit. Die Zucht von Schweinen und Rindern, Schafen und Ziegen gesellte sich zunehmend zur pflanzlichen Kost, während die Jagd auf Gazellen, Onager, Wildschweine, aber auch Hasen an Bedeutung verlor. Die Siedlungen wurden deutlich größer, schließlich entstanden erste Stadtstaaten. Doch kam es Ende des 3. Jahrtausends zu einer Siedlungsunterbrechung, vermutlich durch Vieh-Nomaden, die sich bestimmten Naturräumen sehr viel besser anpassen konnten, als Bauern. Spätestens mit Ebla entstand um 2400 bis 2250 v. Chr. eine Stadt von 56 ha Fläche, die zu erheblichen Teilen vom Handel mit Schafwolle lebte, aber auch von anderen weiträumig gehandelten Produkten. Hauptkonkurrentin wurde Mari am Euphrat. Die mesopotamischen Großreiche Akkad und Alt-Assyrien, aber auch die Hethiter und das Neue Reich der Ägypter griffen immer wieder militärisch in Syrien ein, wo mit den Mittani ein eigenes Großreich entstand. In den weniger von den Nachbarreichen dominierten Phasen blühte eine Reihe von Stadtstaaten.

Die Eroberungen der Seevölker veränderten die regionalen Machtverhältnisse nach 1200 v. Chr. brachial, verstärkt durch die in der arabischen Wüste beginnende Völkerwanderung der Aramäer. Sie profitierten von der Domestizierung des Kamels ab etwa 1300 v. Chr., das auch dort als Reit- und Transporttier eingesetzt werden konnte, wo Pferde nicht leben konnten. Zugleich kam es zu einer Wiedergeburt der Stadtstaatenwelt. Erst mit dem Assyrerreich, das im 9. und 8. Jahrhundert v. Chr. nach Syrien expandierte, wurde die Region wieder Teil eines Großreiches. Trotz heftiger Gegenwehr unterwarf das Neubabylonische Reich die Region, dem das Perserreich folgte, dann, nach der Eroberung durch Alexander den Großen, die Seleukiden, schließlich die Römer.

Das Aramäische wurde zur lingua franca des Nahen Ostens, unter den Seleukiden erhielt das Griechische große Bedeutung, während das Lateinische sich nicht dauerhaft durchsetzen konnte. Umgekehrt kam es zu einer von Syrien ausgehenden „Orientalisierung“ des Römerreichs, die bis zum Versuch einer entsprechenden Staatsreligion reichte. In diesem verengten Sinne ist die Christianisierung des Reiches, das den gesamten Mittelmeerraum umfasste, Teil eines früher einsetzenden Prozesses, aus dem sich die neue Religion allerdings zu lösen verstand. Sie wurde Ende des 4. Jahrhunderts zur Staatsreligion. Doch kam es über theologische Fragen zu heftigen Auseinandersetzungen. Dabei wiederum spielte die Levante, die schon sehr früh christianisiert worden war, eine wichtige Rolle, denn die dort vorherrschenden Lehren standen im Widerstreit zu denen von den Kaisern bevorzugten und durch Kirchenkonzile gefestigten Beschlüssen.

Zugleich schlossen sich die arabischen Stämme, die mit Persien bzw. Ostrom noch im Bündnis gestanden hatten – vor allem während des Überlebenskampfes zwischen den beiden Großreichen zwischen 592 und 628 –, zu Verfechtern der Lehre Mohammeds, dessen Anhänger im Laufe der ersten Hälfte des 7. Jahrhunderts auch Syrien eroberten. Bald wurde Damaskus zum Sitz der Kalifen und zur Hauptstadt eines schnell expandierenden Reiches, doch stürzte diese Dynastie eine konservative Revolution unter Führung der Abbasiden. Infolgedessen büßte die Stadt ab 744 ihre zentrale Rolle im Riesenreich zwischen Atlantik und Indus zugunsten von Bagdad ein. Schon nach wenigen Jahrzehnten setzte sich die arabische Sprache durch, weite Teile der Bevölkerung wurden islamisiert, partiell durch erhebliche Zuwanderung.

Doch dieses Reich zerfiel im Laufe des 9. Jahrhunderts, zudem gelang es schiitischen Gruppen auch in Nordafrika, und von da in Ägypten und in der Levante Fuß zu fassen. Mit den Hamdaniden, die immer wieder versuchten, auch Bagdad zu dominieren, beherrschte nach langer Zeit wieder eine lokal gebundene Dynastie den Norden von Syrien und des Iraks. Doch bald geriet die Region in den Konflikt zwischen schiitischen Fatimiden und sunnitischen Seldschuken, sowie das orthodoxe Byzanz. Mit den Kreuzfahrern erreichte eine weitere religiöse Gruppe 1098 Syrien, die ihre anfänglichen militärischen Erfolge zu erheblichen Teilen der starken Machtzersplitterung zu verdanken hatte, die in der gesamten Levante bestand. So entstanden zeitweise vier Kreuzfahrerstaaten, allen voran das Königreich Jerusalem, sowie der schiitische Staat der Assassinen.

Es waren vor allem Abkömmlinge türkischer und kurdischer Gruppen, die als Militärsklaven in die arabischen Länder gelangten. Sie übernahmen später die Macht, und ihnen gelang es schließlich unter Saladin die Kreuzfahrerstaaten endgültig zu schwächen, auch wenn erst mehr als ein Jahrhundert später die letzte Festung geräumt werden musste. Die türkischen Mamluken Ägyptens schlugen 1260 nicht nur die Mongolen zurück, sondern sie eroberten auch ganz Syrien. Damit setzte aber zum Schutz vor einer erneuten Invasion durch christliche Mächte eine städtefeindliche Politik ein, die unter den Hafenstädten fast nur noch Beirut begünstigte. Mit dem Vordringen der Portugiesen in den indischen Ozean verloren die Mamluken um 1507/09 ihr weitgehendes Handelsmonopol mit Indien, 1516 unterlagen sie den Osmanen, die das gesamte Reich 1516/17 eroberten. 1520/21 kam es zum Aufstand des Damaszener Statthalters Janbirdi al-Ghazali, doch scheiterte er an Aleppo und wurde schließlich bei Damaskus besiegt, das schwer in Mitleidenschaft gezogen wurde.

Während wenige Familien in den vier bedeutenden Provinzhauptstädten Syriens, also in Damaskus, Aleppo, Tripolis und Sidon zu enormen Vermögen gelangten, geriet das flache Land immer mehr ins Hintertreffen. Doch waren Eingriffe in die Sozialstruktur, in regionale Sitten und Gebräuche weder gewollt noch durchsetzbar. Zudem folgten die lokalen Gruppen einer anderen Rechtsschule, als der von Konstantinopel entsandte oberste Richter. Das osmanische Steuerpachtsystem sorgte für eine weitere Entfremdung zwischen Zentrale und Peripherie. Zudem suchten religiöse Minderheiten nach 1600 zunehmend Schutz im Ausland, wie etwa die Drusen beim Herzogtum Toskana.

Endgültig erschüttert wurde die osmanische Herrschaft durch die Rückgewinnung der Macht in Ägypten durch die Mamluken, eine Entwicklung, die durch den Versuch Napoleons im Jahr 1799 militärisch zu intervenieren, zunächst gebremst, dann aber durch die Herrschaft des Mamluken Muhammad Ali verstärkt wurde. Ohne Intervention der westeuropäischen Mächte in den Jahren 1839 bis 1841 wäre das Osmanenreich bereits zu diesem Zeitpunkt von dem albanischen Herrscher erobert worden.

Nun versuchte Konstantinopel im Wettlauf mit den entstehenden Industriemächten mitzuhalten, und so wurde Syrien vor allem zum Lieferanten von Rohstoffen und Nahrungsmitteln. Der soziale Druck gerade im ländlichen Bereich, nunmehr aber auch in den wachsenden Städten des noch dünn besiedelten Gebietes führte zu Aufständen gegen die Grundbesitzer, die sich, wie etwa im Bürgerkrieg im Libanongebirge mit ethnisch-religiösen Auseinandersetzungen verbanden, was 1860 in Damaskus zu einem Massaker an den dortigen Christen führte. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts kam es zu Verwaltungsreformen, zur Militarisierung der Gesellschaft, zu großangelgeten Investitionen in den Grundbesitz und zur Entwicklung eines Bankensystems, aber auch zu einer Verschärfung des türkischen Nationalismus', der sich im Ersten Weltkrieg in Form von Völkermorden gegen Armenier, aber auch Assyrer und Aramäer richtete. Zugleich machten die Kolonialmächte Großbritannien und Frankreich den Arabern Zusagen für einen unabhängigen Staat, sagten aber zugleich einen solchen den jüdischen Siedlern zu. Am Ende des Krieges wurde Frankreich ein Mandat über Syrien durch Völkerbund zugesprochen.

Während dieser Zeit verstärkte sich die Zuordnung der Individuen zu etnisch-religiösen Gruppen, die Paris zudem als Grundmuster wahrnahm und dementsprechend alle Konflikte vor allem vor diesem Hintergrund deutete. So erhielten die Alawiten ein eigenes Gebiet, ebenso wie die Drusen, dann die Maroniten, wodurch die Abtrennung des Libanon als eigener Staat eine Begründung fand, und auch die Kurden verlangten ein eigenes Territorium.

Während des Zweiten Weltkriegs gelang es den Achsenmächten erst nach der Besetzung Frankreichs im Jahr 1940 verstärkt Einfluss zu nehmen. Das von Deutschland abhängige Vichy-Regime setzte sich zunächst in Syrien durch, doch Briten und Franzosen besetzten Syrien ab dem 8. Juni 1941. Damaskus fiel am 21. Juni fast kampflos, zumal dem Faschismus im Land beinahe jeder Rückhalt fehlte. Trotz Unabhängigkeitserklärung durch General Georges Catroux versuchte Paris das Mandat beizubehalten. Der Konflikt eskalierte gegen Kriegsende, so dass Damaskus bombardiert wurde. Erst die gemeinsame Intervention Großbritanniens und der USA zwang Paris, Syrien 1946 aufzugeben.

Die Staatsgründung Israels, gegen das Syrien an vier Kriegen teilnahm, und der Panarabismus unter Führung von Ägyptens Gamal Abdel Nasser, dazu eine laizistische Regierung, waren die dominierenden Themen der Nachkriegszeit vor dem Hintergrund des Kalten Krieges. Seit 1963 beherrscht die bis 2003 auch im Irak herrschende Baath-Partei das Land, die sich vielfach im Libanon einmischte, den sie als Teil Syriens betrachtet. Ab 1970 dominierte Hafiz al-Assad, der 1982 einen Islamistenaufstand niederschlug, und der sich an die Sowjetunion anlehnte, später Russland, seit 2000 sein Sohn Baschar al-Assad. Seit 2011 herrscht ein von zahlreichen Gruppen befeuerter Bürgerkrieg, in den sich schließlich auch Russland massiv einmischte, ebenso wie die USA und jüngst die Türkei.

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