Geschichtsbewusstsein

Geschichtsbewusstsein kann verstanden werden als

  1. Bewusstsein von der Geschichtlichkeit jeder menschlichen Existenz, menschlicher Kulturen und Institutionen und menschlicher Erkenntnis. Das Bewusstsein von Geschichtlichkeit ermöglicht die Erkenntnis (vgl. Erkenntnistheorie), dass alles menschliche Erkennen vorläufig ist und im Laufe der Geschichte von einem anderen Verständnis von Realität abgelöst wird.
  2. Geschichtsbewusstsein als Bewusstsein der Zeitlichkeit allen menschlichen Lebens.

In diesem Zusammenhang ist Geschichtsbewusstsein seit den 1970er Jahren ein Zentralbegriff der bundesdeutschen Geschichtsdidaktik. Die moderne Geschichtsdidaktik ist darauf ausgerichtet, ein möglichst umfassendes, differenziertes und multiperspektivisches Geschichtsbewusstsein im Geschichtsunterricht und an außerschulischen Lernorten zu entwickeln. Auch für die Bereiche Museumspädagogik und Kulturpolitik ist der Begriff des Geschichtsbewusstseins zentral. Geschichtsbewusstsein lässt sich als Eigenschaft eines einzelnen absetzen von der geschichtlichen Erinnerung einer Kultur oder einer Gruppe, die gemeinhin als Geschichtskultur verstanden wird. Das Geschichtsbewusstsein des Einzelnen ist entscheidend durch sein Umfeld geprägt, das seinerseits von Erfahrungen und Interessen durch Wertungen und Wahrnehmungseinschränkungen bestimmt ist.

Während der Begriff Geschichtsbewusstsein v. a. den individuellen Prozess der Vergangenheitszuwendung und -verarbeitung, der „Sinnbildung über Zeiterfahrung“ (Rüsen), diskutierbar macht, wird mit dem Begriff Geschichtsbild das mehr oder minder vernünftige und ausgereifte Produkt dieses Prozesses erfasst.