Religionsgeschichte

Religionsgeschichte ist ein universitäres Fach – eine Wissenschaft, die sich mit der historischen und gegenwärtigen Entwicklung der Religionen und der Religiosität hinsichtlich ihrer jeweiligen Entwicklung im historischen Kontext befasst. Hierbei werden die entsprechende Religionen zunächst in der ihr eigenen Geschichte und Tradition untersucht, um diese später zum Beispiel anhand funktionaler oder typologischer Kriterien einzuordnen, zu klassifizieren und schließlich eine Systematik der Glaubenssysteme zu erarbeiten. So entsteht eine Basis, die für das glaubensunabhängige Vergleichen verschiedener Religionen (komparative Religionswissenschaft) essentiell ist. In der Praxis ist der Übergang zu dem eigenständigen Fach Religionswissenschaft fließend. Im Gegensatz hierzu steht die phänomenologische Strömung innerhalb der Religionsgeschichte, welche den Begriff 'Religion' als Abstractum begreift, und daher vergleichende oder geschichts-chronologisch einordnende Methoden zurückweist, da diese der Einzigartigkeit der verschiedenen religiösen Vorstellungen nicht gerecht werden können.

Die erste Fragestellung der Religionsgeschichte lautet: „Unterliegt die Religionsentwicklung einer direkten soziokulturellen Evolution oder ist sie nur ein Nebenprodukt anderer kognitiver Entwicklungen?“ Ein evolutionärer Prozess setzt immer selektive Faktoren voraus, so dass die Frage nur beantwortet werden kann, wenn zweifelsfreie Faktoren ermittelt werden können, die gläubigen Menschen irgendwelche Überlebensvorteile verschaffen.[1]

Religionsgeschichte wurde vor allem im 19. Jahrhundert von Religionswissenschaftlern und Religionsethnologen[2] meist evolutionistisch interpretiert[Anm. 1], häufig mit kolonialistisch-darwinistischer Färbung, das heißt als Entwicklung von ursprünglichen, „primitiven“ Formen, die nicht selten als niedriger gesehen wurden – Animismus, Totemismus oder dem sogenannten Urmonotheismus Wilhelm Schmidts – linear und undifferenziert zu weiter entwickelten, höheren Formen, also etwa über den Polytheismus zum Monotheismus; zu den „Hochreligionen“. James Frazer postulierte eine Entwicklung von der Magie über die Religion zur Wissenschaft. Diese teleologischen Positionen krankten oft an unzureichenden empirischen Grundlagen, enthielten meist explizite oder implizite Wertungen (von primitiven zu höheren Stadien) und waren vielfach auf den Einzelfall konkreter religionsgeschichtlicher Ereignisse nicht anwendbar. Nur wenige Forscher (etwa Edward Burnett Tylor) erkannten bereits damals, dass auch die Evolution von Religion kein stetiges Aufwärtsschreiten bedeutet.[3] In der modernen Religionswissenschaft spielen evolutionistische Stufenmodelle nur noch als Materiallieferanten[Anm. 2] und als Teil der Fachgeschichte eine Rolle[4] (siehe auch: Sackgassen der ethnologischen Religionsforschung).

Später hat sich im Gegenzug eine egalitär beschreibende, phänomenologische Betrachtungsweise innerhalb der wissenschaftlichen Disziplin herausgebildet, die dazu geführt hat, dass Bücher mit dem Titel „Religionsgeschichte“ nur noch eine zusammenhanglose Nebeneinanderstellung von Monographien sein können [Anm. 3]. Andere Autoren geben nun zu bedenken, dass bei Verzicht auf den Versuch, Entwicklungen nachzuzeichnen und das Spätere aus seinem Verhältnis zum Vorausgehenden zu begreifen, der Begriff Geschichte seinen Inhalt verliert (s. z. B. Leslie White und andere Vertreter des Neoevolutionismus).

In neuerer Zeit tritt die Religionsgeschichte als Universalgeschichte gegenüber dem Studium der Geschichte einzelner Religionen oder Kulturräume zurück. Jedoch finden religionsgeschichtliche Theoriekonzepte wie Säkularisierung und Pluralisierung wieder verstärkt Beachtung.