Geschichte Mailands | vom königreich italien bis zur gegenwart

Vom Königreich Italien bis zur Gegenwart

Verkehr auf der Piazza del Duomo
um 1900

Durch die Industrialisierung wuchs die Stadt durch Zuwanderer aus anderen Landesteilen, v. a. aus dem ländlichen Nordost- und Süditalien, stark an und entwickelte sich zu einer der frühen Hochburgen der Arbeiterbewegung. Seit 1914 stellten die Sozialisten den Bürgermeister. Nach dem Ersten Weltkrieg gründete sich 1919 der faschistische Fascio di Combattimento (Squadristi) in Mailand. 1922 begann Benito Mussolini von Mailand aus seinen Marsch auf Rom, mit dem die faschistische Diktatur in Italien ihren Anfang nahm, unter dessen Herrschaft in Mailand u. a. 1931 der neue Bahnhof Milano Centrale eingeweiht wurde. Während des Faschismus gab es hier aber auch starke Aktivitäten der Resistenza, insbesondere nachdem in Norditalien 1943 die Italienische Sozialrepublik als Marionettenregime NS-Deutschlands ausgerufen worden war. Im Zweiten Weltkrieg erlitt die Stadt 1944 starke Zerstörungen, traurige Berühmtheit erlangte insbesondere die versehentliche Bombardierung einer Grundschule im Stadtteil Gorla durch die US-amerikanische 451st Bombardment Group, bei der 186 Schüler und Lehrer ums Leben kamen. Aus dem Schutt der zerstörten Häuser wurde der Trümmerberg Monte Stella im Nordwesten des Stadtgebiets angelegt. Nach der Flucht und Hinrichtung Benito Mussolinis durch kommunistische Partisanen wurde sein Leichnam am 29. April 1945 auf der Piazzale Loreto öffentlich zur Schau gestellt. Seit dieser Zeit ist Mailand bekannt dafür, Erscheinungen vorwegzunehmen, die einige Jahre später auch in anderen Landesteilen auftreten. Gaetano Salvemini prägte dafür die Worte: « Quello che oggi pensa Milano, domani lo penserà l’Italia. » („Das, was heute Mailand denkt, wird morgen Italien denken.“).

In der Nachkriegszeit erlebte Mailand wie der Rest Italiens und Westeuropas einen erneuten wirtschaftlichen Aufschwung, des italienischen miracolo economico („Wirtschaftswunder“). Getreu seinem Ruf, politische Spannungen besonders früh und besonders heftig zu erleben, war Mailand auch während der Zeit der 68er-Bewegung und der politisch unruhigen 1970er Jahre Zentrum der Auseinandersetzungen zwischen revoltierenden Studenten und der Staatsmacht bzw. zwischen den opposti estremismi, d. h. kommunistischen und faschistischen Jugendgruppen. 1969 ereignete sich hier der nie ganz aufgeklärte, aber vermutlich rechtsterroristische Bombenanschlag auf der Piazza Fontana. In den 1980er Jahren entwickelte die Stadt dagegen den Ruf einer ruhigen, bürgerlichen und wirtschaftlich prosperierenden Metropole. Hier begann auch der Aufstieg des Bau- und Medienunternehmers Silvio Berlusconi, der zwischen 1993 und 2011 dreimal italienischer Ministerpräsident war.

Im 20. Jahrhundert wuchs Mailand infolge der Industrialisierung sehr schnell. Vor allem in den 1950er und 1960er Jahren zogen viele Millionen Italiener, insbesondere aus Süditalien, nach Mailand und dessen Hinterland. Von 1971 bis 2001 ist die Einwohnerzahl der Stadt selbst vom bisherigen Höchstwert von offiziell ca. 1.732.000 Einwohnern bis auf 1.256.000 drastisch gesunken. Dieser Rückgang erklärt sich mit der Abwanderung der Einwohner ins direkte Umland, hauptsächlich aufgrund der hohen Immobilienpreise in der Stadt, aber auch mit den praktisch unverändert gebliebenen Stadtgrenzen trotz eines fast durchgängig fließenden Übergangs in die (etwa 50) wachsenden Vorstädte, die der Provinz, aber nicht der Stadt Mailand zugehören. Seit 2001 verzeichnet auch Mailand selbst wieder ein leichtes Einwohnerwachstum.